Zellerau, ich mag dich!

Seit fast 10 Jahren wohne ich in der Zellerau und ich wohne gerne hier. Ich mag diese Vielschichtigkeit. Am Zeller Berg rollen die Großverdiener mit ihren SUVs die Spessartstraße hoch, in der Hartmannstraße rollen die Teenies in geklauten Einkaufswagen vom REWE runter. Wir haben in der Frankfurter Straße die einzige italienische Pizzeria, die von Russen betrieben wird. Nebendran ist ein Handyladen, der seit vier Jahren komplett ohne Kundschaft auskommt, bekommen aber jeden Tag eine Lieferung rein… manche Sachen sollte man nicht zu sehr hinterfragen…

Die Zellerau hat eine eigene Chill-out-Zone. Damit meine ich jetzt nicht den Klettergarten oder das Fitnessstudio, nein, da sieht man immer nur die gleichen Gesichter. Wenn ich mal wirklich dem Alltag entfliehen will, dann gehe ich in die Teppichdomäne. In der Teppichdomäne begegnest du Leuten, die dort ihren kompletten Haushalt einkaufen. Ich kenne keinen anderen Laden, der ein so breites Sortiment hat! Nur in der Teppichdomäne bekommst du Laminat, Deospray und Leberwurst.

Kommen wir zu meiner Wohnung. In der Zellerau gibt es den Dencklerblock, der fast schon eine Legende darstellt. Alle Alternativen Würzburgs verfolgen das Ziel, im Dencklerblock zu wohnen. Dort gibt es alte Wohnungen, beschissen isoliert, aber sauteuer, weil ja jeder drin wohnen will. Ich wohne direkt nebendran. Dort gibt es auch alte Wohnungen, beschissen isoliert aber saubillig, weil dort keiner drin wohnen will.

Wenn man nachts in der Zellerau flaniert, hat man vielleicht Glück und trifft auf ein ganz scheues Lichtwesen, das sich erst ab der Dämmerung heraustraut. Wenn die Sonne gerade untergegangen ist und die letzten Strahlen funkelnd über den Kotzlachen der Hopfenblüte funkeln, dann fährt er plötzlich an einem vorbei: Der Plakatmann. Mit wehenden, glänzenden, goldgelockten Haaren und bunten selbstgestrickten Oberteilen. Muss man natürlich Glück haben, aber wenn man ihn sieht, darf man sich etwas wünschen. Bloß, einen Ratschlag: NICHT umdrehen und ihm nachschauen! Sonst wird man ewig von der Frage verfolgt, ob er tatsächlich Tanga trägt.

Wir haben hier sogar auch ein Bermuda-Dreieck, in dem ständig Leute verschwinden. Es erstreckt sich exakt von der Hopfenblüte, bis runter zur ProBierStube und endet beim Gasthaus Onkel. Etliche Herrschaften sind in diesem Dreieck verschwunden und bis heute verschollen. Wahrscheinlich sitzen sie immer noch am Stammtisch und dikutieren mit, ob der Kassierer im Kupsch 30 oder 50 Kilo abgenommen hat und was die exakten Voraussetzungen sind, um an der Waschstraße in der Mainaustraße arbeiten zu dürfen. Meiner Meinung nach, muss man den Blick draufhaben, den der Waschmann aufsetzt, wenn er fragt: „Felgenreinigung machen wir auch noch, oder?“ Verneint man, kommt dieser unwiderstehliche Blick und du hörst dich nur noch antworten: „Okay, tut mir leid, ich lass sie ja reinigen, bitte, bitte, machen sie die scheiß Felgen sauber, aber schauen sie mich nicht mehr so an!“ Zusätzlich gibt’s dann noch einen Anschiss, weil du die Antenne wieder nicht abgeschraubt hast.

Aber ich muss das Auto einfach waschen lassen, bevor ich zur Hundewiese runter fahre, denn dort treffen sich alle: Studenten, Leute vom Ordnungsamt und Menschen. Harmonisch miteinander vereint teilt man sich dann eine Wiese.

Eine kleine Kritik habe ich aber trotzdem: An der Hundewiese musste ich mir schon rassistische Sprüche anhören. „Guck ma`, da kommen wieder diese Bbudel (fränkisch für Pudel). Also, ich hab ja nix geeche diese Bbudel, aber dass die immer so hässlich sei`müsse….“ Leute, das geht nicht. Egal ob schwarz oder weiß, auch die Pudel haben ihre Daseinsberechtigung an der Hundewiese. Einen ähnlichen Vorfall habe ich beim Aldi an der Kasse erlebt, als vor mir ein Schwarzer stand. Plötzlich drängelt sich eine Oma an mir vorbei und klopft dem Schwarzen auf die Schulter, um ihm dann zu sagen: „I like the blacks. God bless you!“ Verwundert schauen alle die Oma an, sie schiebt noch einen nach: „I was in Africa, for holidays, the blacks are so nice and good-looking people. And where are you from?“ Verwundert antwortet der Afrikaner: „Ich? Gebürtig aus Nürnberch, allerweil wohn ich in Gramschatz!“

Zellerau, ich mag dich.




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