“Mich hat gebracht der Media-Markt” – ein Besuch in der GU Würzburg

 (veröffentlicht im Missio-Magazin 6/13)

Kurz vor 15 Uhr stehe ich am Stadtrand von Würzburg vor einem unscheinbaren Eingang zur „Gemeinschaftsunterkunft“. Ein Euphemismus, der die Zustände in einem solchen Flüchtlingslager nur bedingt wiedergibt. Konkreter wird da schon das Schild, das deutlich sichtbar am eisernen Tor für jeden Neuankömmling zu lesen ist. Nach meist monatelanger Flucht, kann er lesen, wie seine primäre Zukunft hier gesehen wird. In großen Buchstaben steht dort: „Rückführungszentrum.“

Sofern ein Asylsuchender das Schild überhaupt lesen und verstehen kann, denn Deutschkurse sind anfangs erst einmal verboten. Vermutlich befürchtet man, dass er am Ende die Formulare versteht, die er ausfüllen und unterschreiben soll. Was aber alle Bewohner der GU wissen: Früher hieß das Gelände „Adolf Hitler – Kaserne“ – Willkommen in Deutschland!

Das Tor öffnet sich und Frau Peterel begrüßt mich. Sie arbeitet ehrenamtlich jeden Montag im Cafe, das einmal die Woche einen „offenen“ Kulturtreff für Bewohner und Gäste anbietet. Aber um das Gelände (nach einer Passkontrolle) überhaupt betreten zu dürfen, muss man erst persönlich eingeladen werden. Somit überrascht es mich wenig, dass ich an diesem Montag der einzige Gast neben zahlreichen „Bewohnern“ bin.

Ich komme schnell mit Masut* ins Gespräch, der seit über einem Jahr in Würzburg auf die Bewilligung seines Asylantrags wartet. Masut ist nicht zum ersten Mal in Deutschland, er lebte 10 Jahre in Hamburg, arbeitete dort in einem Restaurant und spricht fließend Deutsch. Nachdem in Afghanistan die ersten Truppen abzogen, sah er in seiner alten Heimat wieder eine Zukunft und entschloss sich dorthin zurückzukehren. Er heiratete, fand Arbeit und ein Grundstück. Doch die Enttäuschung kam bald: Korruption, Erpressung und Morddrohungen zwangen ihn zur Flucht zurück nach Deutschland. In Hamburg wieder angekommen, stellt er sich am Flughafen der Polizei vor – und die schickt ihn nach Bayern. „Ich habe Freunde in Hamburg, ich könnte sofort wieder im Restaurant arbeiten!“, erzählt mir Masut. Das Auslandsamt verbot ihm das. Aber Masut gab nicht auf und sofern es ihm erlaubt wurde, half er in diversen Küchen aus. Schließlich wurde ein Würzburger Hotelier auf ihn aufmerksam und bot ihm eine Ausbildung als Koch an – erneut lehnte das Auslandsamt ab, mit der Begründung, dass Arbeitssuchende mit einem deutschen Pass Vorrang haben. Doch für eine Kochausbildung findet sich nur schwer einen willigen Lehrling – nun ist die Stelle vakant.

Neben uns sitzt eine Gruppe Afrikaner, die mein Interesse bemerken. Ein Mitte Zwanzigjähriger schaut mich schlitzohrig an und offenbart ein breites Zahnlücken-Grinsen. Er nickt zum Fenster nach draußen, wo durch ein paar Bäume ein Gebäude in leuchtendem Rot zu sehen ist. „Mich hat gebracht der Media-Markt!“, verkündet der Afrikaner und fällt in ein lautes Lachen, als er in mein verständnisloses Gesicht blickt. Kito kommt aus Ghana. Sein Land produziert eigentlich genügend Nahrungsmittel für alle Einwohner, die schlechte Infrastruktur lässt aber nur eine mäßige Versorgung zu und so zählt es zu den ärmsten Ländern Afrikas. Kito wuchs auf einem Schrottplatz in Accra auf. Täglich laden Containerschiffe dort billige Drucker, PCs und Flachbildschirme aus Europa ab, viele davon aus Hamburg. Was bei uns als zu wertlos zum Reparieren angesehen wird, kann Kito mit einigen geübten Handgriffen wieder funktionsfähig machen. Die übrigen Platinen verbrannte er – neben den giftigen Gasen blieben immer ein paar Gramm Edelmetall zurück. Mit dem Erlös und das, was seine Familie dazugab, machte er sich auf den Weg nach Europa. An dieser Stelle wird Kito nachdenklich: „Reise über Meer…nicht schön…viele tot.“ Dann hellt sich sein Blick wieder auf: „Aber jetzt alles gut!“ Kito ist beliebt in der GU, Vielen hat er schon das Handy repariert. Er zeigt durchs Fenster auf den Elektromarkt: „Wenn ich Asyl bekomme, ich arbeite dort und dann repariere ich alles. Nicht immer wegwerfen. Immer wegwerfen ist nicht gut.“ grinst er mich an.

Die Zeit vergeht viel zu schnell, ich verabschiede mich, muss aber vorher versprechen, wieder zu kommen. Ein Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite beobachtet, wie ich aus dem Gebäude herauskomme und scheint mich für einen Flüchtling zu halten. „Warum kommt ihr ausgerechnet zu uns, hä? Warum sollen ausgerechnet wir dir helfen?“ Dabei gestikuliert er wild mit der einen Hand, die immer wieder in die Ferne zeigt. Die andere Hand umklammert fest sein noch originalverpacktes Navigationssystem.

Nachtrag: Masut sitzt immer noch in der „GU Würzburg“. Kitos Asylantrag wurde mittlerweile abgelehnt.

*Name geändert.

 




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