20 04
Montag abend ist im Würzburger Kultclub „Omnibus“ immer Jamsession. Die Jazz-Studenten treffen sich dort, klären kurz, welches Lied sie spielen und für die nächsten 30 Minuten hört man dann „All the things you are“.
Angeblich sind ja Mathematiker die Nerds unter den Studenten. Wer das behauptet, hat sich noch nie mit einem Jazzer unterhalten. Pardon, unterhalten wollen. In der Regel hört der einen nämlich gar nicht, bei der Jam-Session haben die meisten Ohrenstöpsel drin, um ihr Gehör zu schonen. Wahrscheinlich klingt Jazz deshalb immer so abgedreht: Weil im Grunde genommen keiner hört, was er da eigentlich spielt. Sollte einmal der Combo auf der Bühne mitten im Lied die Stöpsel aus den Ohren poppen, dann würden wahrscheinlich alle im nächsten Moment von Bebop auf Menuett switchen.
Aber die Ohrenstöpsel bleiben drin, „damit ich morgen transkribieren kann“, erklärt mir der „Smile“. Jazzer haben nämlich immer abgedrehte Spitznamen und so stehen heute auf der Bühne der „Nuts“, „Fussel“ und der „Klopper“. Klopper spielt seltsamerweise nicht die „Drums“, sondern „Brass“ und trägt einen roten Samtsakko mit Strickwollpulli in gleicher Farbe drunter. Nur die Schneekristalle darauf halten sich in einem smoothen Rosa.
Wichtig sind die Anglizismen bei den Jazzern. Eigentlich besteht die ganze Sprache des Jazzers nur aus Anglizismen, nur ab und zu rutscht ihm ein deutsches Wort raus. Wenn zum Beispiel „Die Strings layern, damit die Pattern in time sind und die Tension swingt.“ (Das deutsche Wort hierbei ist swingen).
Aber geredet wird natürlich erst nach der Session, wenn es dann weiter in die „Hohlstange“ geht, um dort bei einer ordentlichen Runde Kicker den Abend zu beschließen, bis das bestellte Taxi da ist. Dummerweise stand der Saui letzten Montag plötzlich alleine am Kicker. Ich hatte den Taxi-Ruf nicht mitbekommen.
Ich hatte ja noch die Ohrenstöpsel drin.
1 04
Von 19.-31. März bin ich als Comedian auf der AIDAcara engagiert. Die Fahrt geht von Madeira über Marokko, Spanien, Portugal, Frankreich, England, Schweden bis Kiel. Während dieser Zeit berichte ich immer wieder von meinen ganz persönlichen Reiseeindrücken.
Der letzte Abend an Bord und das Showensemble der AIDAcara lässt es noch einmal krachen. Mit einer Märchenshow, in der Schneewittchen mit der Sense von Gevatter Tod Rapunzels Haare erwischt und der Prinz mehr den Hänsel als Gretel vermisst. Einige Eltern müssen an diesem Abend noch Überstunden machen, da für ihre Kinder einiges an Erklärungsbedarf nötig ist. Die meisten Zuschauer verschwinden aber recht zügig auf ihre Kabinen, um Koffer zu packen und diese dann vor die Tür zu stellen. AIDA bietet nämlich an, die Koffer am nächsten Tag runter ins Terminal zu bringen, so dass man selbst nicht sein schweres Gepäck über die Gangway von Bord tragen muss. Dieser Service soll vielen noch zum Verhängnis werden.
Ich beschließe den letzten Abend in der CrewBar. Auf der AIDAcara befindet sich die CrewBar, in die ausschließlich Besatzungsmitglieder dürfen, ganz vorne im Rumpf auf Wasserhöhe. Bei ordentlichen Seegang hört man hier die Wellen gegen die Wand schlagen, auch schaukelt es vorne am meisten. Was das Kickerspielen nicht unbedingt leichter macht, da die Ballbewegungen unberechenbare Reflexe verlangen. In den 12 Tagen an Bord habe ich mich beim Spielen aber ganz gut gemacht, mit Physiotherapeutin Dörthe ein Dreamteam gebildet und bringe nun Clubteambetreuerin Jenny und vor allem Tontechniker Ingo zur Weißglut. Jenny hat sich beim Kickerspielen bereits einmal so verausgabt, dass sie sich dabei eine Hand gebrochen hat. Ingo ist trotzdem mit ihrer heutigen Leistung nicht zufrieden und schimpft: „Du bleibst so lange wach, bis wir wenigstens einmal gewonnen haben!“ Jenny weiß da noch nicht, dass sie die Nacht durchmachen muss.
Vier Stunden später sind wir in Kiel und ich gehe von Bord. Am Ausgang der Cara steht ein verzweifelter Mann im Schlafanzug und verlangt seinen Koffer zurück, er hat vergessen, sich etwas für heute rauszulegen. Der Zug im Kieler Hauptbahnhof nach Hamburg ist gut gefüllt mit AIDA-Heimfahrern. Eine blondierte Mittvierzigerin mit ihrer Tochter setzt sich im Gepäckabteil neben mich und präsentiert mir stolz ihren Pilgerstab, den sie in Santiago di Compostela bekommen hat. Dafür musste sie gerade einmal 5 km laufen, was für die sportliche Mutti keine Strecke war, denn die ganzen zwei Wochen habe ich sie tagsüber immer auf dem Fitnessdeck und jeden Abend auf der Tanzfläche für ihre Energie bewundert. 2 Minuten später weigert sie sich, einem Fahrradfahrer Platz zu machen und ihren Koffer drei Stufen weiter hoch zu tragen. Der Fahrradfahrer verweist höflich, aber bestimmt auf sein Recht, dass das hier ein Fahrradabteil sei und Räder Vorrang haben. Ein polternder Rentner, der mir an Bord aufgrund seiner Nahkampferfahrung beim Kuchenbuffet auffiel, mischt sich ein und raunzt, er soll die Dame in Ruhe lassen. Der Schaffner kommt hinzu und schmeißt überraschenderweise den verblüfften Radfahrer aus dem Zug, der laut schimpfend über die Verhältnisse bei der Bahn auf dem Bahnsteig zurückbleibt.
Ich bin wieder in Deutschland.
Bingo-Animateur Tobi und Jenny
30 03
Von 18.-31. März bin ich auf der AIDAcara als Comedian angestellt. Die Reise geht von Madeira über Marokko nach Spanien, Portugal, Frankreich bis Kiel. Während dieser Zeit werde ich immer wieder über meine persönlichen Reiseeindrücke berichten.
Während des Seetages nach Göteborg kommt der Mikrokosmos AIDA ganz zur Geltung. Das Schiff bewegt sich durch die aufgewühlte Nordsee und die Passagiere schwanken durch die Flure. Die meisten haben mit den Wellen zu kämpfen und knallen wie Betrunkene immer wieder gegen Säulen und Geländer. Interessanterweise lässt sich mit Alkohol dagegen angehen, da sich dann das Gleichgewichtsgefühl mit der Schiffsbewegung angleicht. Wer hier also problemlos geradeaus läuft, hat meist bereits 10 Ramazotti intus.
Auch scheint bei manchen das Hirn ordentlich durchgewühlt zu werden: Während ich an der Reling stehe und aufs Meer schaue, stellt sich jein Mann neben mich und überlegt, wie er ein Gespräch beginnen soll. Irgendwann fällt ihm die scheinbar passende Frage ein und er setzt an: „Na, auch auf dem Weg nach Göteborg?“ Da ihm scheinbar auch nach drei Sekunden Schweigen nicht bewusst wird, was er da eigentlich gerade verzapft, antworte ich nur kurz: „Nee, ich bieg vorher links ab.“
Selbst wenn man aus allen Bullaugen momentan nur Wasser sieht, ist offensichtlich einigen Passagieren immer noch nicht bewusst, dass sie sich auf einem Schiff befinden.So hält das eine Frau im Duty Free Shop nicht davon ab, die Verkäuferin zu fragen: „Bekommen sie denn heute noch neue Ohrringe rein?“ Fast zeitgleich knallt draußen eine Rentnerin gegen die Glastür und behauptet, die Tür hätte sie angegriffen. An der Rezeption hat man sich ebenfalls beschwert, allerdings nicht über aggressive Türen, sondern dass an Bord zuviel gegrüßt wird, man möchte doch bitte davon Abstand nehmen, schließlich will man sich ja auch noch irgendwann erholen können.
Die Besatzung an Bord ist da bereits einiges gewöhnt. Getreu dem Motto „Es gibt nichts, was es nicht gibt“ überraschte es auch den Scout zu Beginn der Fahrradtour in Le Havre am Vortag nicht mehr, dass eine Dame ihren Fahrradhelm falsch herum aufsetzt. Sofort muss sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie denn schon einmal Fahrrad gefahren ist, denn: Es gibt nichts, was es nicht gibt.
Vollkommen diffus wird es beim Abendessen, als mir ein Pärchen erklärt, weshalb sie die Landausflüge nicht mehr mitmacht und nur noch zu den Vorträgen ins Bordtheater kommt: „Wir schauen uns bei der Vorstellung dann immer die Fotos an, das kostet ja nichts und dann sehen wir das ja auch.“ Mein Ratschlag, sich vielleicht die ganze Schiffsreise zu sparen und künftig mittels Google Earth auf Weltreise zu gehen, stößt aber dann trotzdem wieder auf Unverständnis. Dann könne man ja nicht an den Workshops teilnehmen. Aha, es sind also die angebotenen Seminare, die manche dazu animieren, auf Kreuzfahrt zu gehen. Sofort überlege ich mir Kurse, die für viele an Bord interessant klingen könnten:
„Wasserski für Anfänger: Jeder nur ein Versuch.“
„Pimp your Rollator- die passenden Slicks für die Anytime Bar“
„So werde ich Frau Kapitän – Tips zum Andocken.“
Sobald wir wieder in Kiel, werde ich gleich meine Vorschläge bei AIDA Entertainment abliefern.
Foto: Der Mal- und Basteltreff trifft sich täglich um 16 Uhr.
Andy Sauerwein 2010 - imprint
Andyaktive Seite - webdesign: Indieee.de