12 05
Mir ist langweilig. Wenn mir langweilig ist, bringe ich meinem Hund unsinnige Kommandos bei.
„Camillo, mach mal Rolle!“ – Hund dreht sich.
„Camillo, mach mal Verbeugung!“ Hund verbeugt sich.
„Camillo, wie macht der müde Hund?“ Hund fängt an, zu gähnen.
Vormittags gähnt er besonders laut. Mir ist immer noch langweilig, also filme ich das Ganze und poste es auf Youtube. Zwischen meinen ganzen Auftrittsvideos ist jetzt ein 30-Sekunden-Clip mit dem Titel zu sehen: „Camillo, the tired dog.“ Darauf erkläre ich im schlechten Englisch: „This is Camillo. Camillo is really tired. Camillo, wie macht der müde Hund?“ – Hund gähnt laut und mitreißend – aus.
Zwei Tage später hat das Vieh mehr Klicks als alle meine bisherigen Videos zusammen.
Mein Agent ruft an: „Nimm den Hund doch mit auf die Bühne und präsentiere seine Kunststücke vor Publikum!“ Mach ich noch am gleichen Tag. Nach der Vorstellung kommt ein Mädchen auf mich zu. Es ist die hübsche Lena, die mir mit einem Zwinkern sagt, sie würde mit Camillo gerne mal Gassi gehen. Ich zwinkere zurück und sage, dass der Camillo sich darüber bestimmt freuen würde.
Schon am nächsten Tag stehe ich mit dem Hund am Treffpunkt und sehe die hübsche Lena auf mich zukommen. Sie grinst mich an, nimmt mir die Leine aus der Hand und sagt: „Ich bring` ihn dir in zwei Stunden wieder, bis dann.“ Während sie mit meinem Hund davonmarschiert und ich noch nach Worten suche, wie „Ähm,…moment,…aber…hej…“ klingelt mein Handy, mein Agent ist dran: „Hat dein Hund schon was für Dienstag in drei Wochen im Kalender stehen? Da könnte er in Berlin auftreten.“ „Äh, wie? Keine Ahnung, er ist gerade nicht da, ich frag ihn später mal.“
Inzwischen fordert die Youtube-Fangemeinde weitere lustige Tricks von Camillo. Ich stelle eins ein, wie er auf Kommando niest und ich ihm mit einem Taschentuch die Nase putze.
Drei Tage und 15000 Klicks später: die Firma Tempo engagiert meinen Hund als neue Werbefigur, ich muss ihn zum Filmdreh begleiten. In der Garderobe ist er umringt von Hundfriseuren, Nagelspezialisten und Visagisten, während ich ihm seine Fanpost vorlese. Beiläufig ruft jemand: „Hat eigentlich jemand dem Herrchen schon was zu Fressen gegeben?“
Neues Youtube-Video.
Ich sitze nur noch zu Hause rum und bügele, während mein Hund beim Dreh für die Hauptrolle der neuen Daily Soap „Sturm der Triebe“ ist.
Seine Anrufe werden immer seltener, wir haben uns kaum noch was zu sagen. Ich war zu blauäugig. Dass er längst mit meinem Agenten durchgebrannt ist, realisiere ich erst, als die Spedition vor der Tür steht, um seine Sachen abzuholen. Mein Ex-Agent versucht am Telefon zu trösten: „Komm schon Andy, es lief doch schon lange nicht mehr gut zwischen euch. Ein Hund kann nur so weit laufen, wie das Herrchen den Stock werfen kann. Er hat sich einfach weiterentwickelt, während du immer noch auf der Stelle stehst.“ Fassungslos starre ich in den Hörer und lege auf.
Die Spedition nimmt alles mit: seine Stoffwurst…unser erstes gemeinsames Stöckchen…. die Decke, die wir ZUSAMMEN ausgesucht und gekauft haben…Was mir bleibt, sind seine Videos auf Youtube.
Camillo, the tired dog:
6 05
Zum 20. Mal veranstaltete das Schweinfurter Fanzine „Der kosmische Penis“ den legendären Liedermacher-Wettbewerb im Stattbahnhof. Ich war dabei.
Mittlerweile ist es ja leider Gang und Gebe, dass man aus jedem Furz einen Wettbewerb machen muss. Das Publikum findet es meist super, für mich als Künstler ist es immer ein komisches Gefühl, daran teilzunehmen. In der Garderobe trifft man auf nette Kollegen, die sich seit Jahren kennen, auf der Bühne ist man plötzlich Konkurrent und es werden Äpfel mit Birnen verglichen: Wer ist nun besser? – der Politkabarettist, der Jongleur, oder doch der Mittvierziger im Ballett-Tutu? Der geschätzte Kollege Nils Heinrich hat darüber erst kürzlich ein sehr schönes Stück geschrieben („Der Preis“). Aber man geht trotzdem hin, macht mit, denn es ist ja schließlich Presse da und ein eventueller Gewinn macht sich gut bei den Referenzen. Ernst nimmt man solche Wettbewerbe schon lange nicht mehr: An einem Tag wird man Erster, um dann eine Woche später bei gleichen Kollegen mit den selben Nummern auf dem letzten Platz zu landen.
Um so schöner ist es, einmal an einem Wettbewerb teilzunehmen, der alles auf den Kopf stellt und den selbst das Publikum nicht wirklich ernst nimmt! Seit 20 Jahren veranstaltet das Fanzine „Der Kosmische Penis“ nun schon eine Gegenveranstaltung zum Eurovision-Song-Contest mit dem Titel „Grand Prix de la Penivision“. Erlaubt ist prinzipiell alles, nur eigene Lieder müssen es sein und nach 5 Min ist Schluss. Und 5 Minuten können manchmal verdammt lange sein!
Die Schweinfurter lieben ihren Wettbewerb im Stattbahnhof, einige nehmen seit Jahren daran teil, es gibt Familien-interne Duelle, wer besser abschneidet: Die aufgebretzelte Tochter an der Gitarre oder der Vater im Super-Mario-Kostüm und Seifenblasenmaschine? Selbst Münchner Songwriter fahren extra nach Schweinfurt, um ihr Lied vom determinierten Marvin vorzutragen, dessen Leben schon jetzt vorüber ist, weil seine Mutter im Passat raucht. Man hält sich den Bauch vor Lachen, um im nächsten Moment in einer sphärischen wunderschönen Ballade von der Würzburgerin Karo dahinzuschwelgen.
Moderator Dr. Teppichklopfer führt mit seiner Assistentin, die jährlich den Namen wechselt, sympathisch durch das Programm und hat selbst den größten Spaß daran, die Preise vorzustellen: ein Kinder-Schifferklavier, ein Darth-Vader-Dildo, einen Kasten Roth-Bier usw.
Gewonnen haben übrigens gestern zwei Jungs, die kurzerhand ein Lied von anderen Teilnehmern gecovert haben, das zehn Minuten vor ihnen gespielt wurde und ihnen offensichtlich besser gefallen hat, als ihr eigenes. Dafür gab es dann auch die Sieger-Trophäe, einem 50 Zentimeter großen, goldenen Phallus mit Flügeln. Die eigentlichen Urheber des Sieger-Songs waren auf Platz 10, feierten aber trotzdem ausgiebigst zusammen mit den Plagiat-Champions. So schön kann Wettbewerb sein!
Das Duo “Amelie aus dem All”
4. Platz, aber schönste Trophäe: Tarnflecken-Penis mit Möhre darauf.
3 05
Lange habe ich gebraucht, um darüber reden zu können. Es war am 8. März 2012.
Weltfrauentag.
Das Engagement kam sehr kurzfristig, „Eventveranstaltung anlässlich des Weltfrauentags“, sagte mein Manager mir noch einen Tag zuvor. Prima, nur Frauen, denke ich. Dafür habe ich ein super Programm. Noch auf der Hinfahrt sagte mir der Gastwirt am Telefon: „Gemischtes Alter, von alt bis jung alles dabei!“
Typisches Kabarettpublikum eben.
600 km und drei Hörbücher später komme ich pünktlich um 12 Uhr in einem Gasthof im Niederoderbruch an. Der Gastwirt begrüßt mich äußerst gut gelaunt: „Aaaah, der Herr Kabarettist! Schön, dass sie die weite Fahrt auf sich genommen haben! Hätten sie denn Interesse, öfters von uns engagiert zu werden?“ Ich fühle mich geehrt und antworte ganz bescheiden, er solle sich doch erst mal meinen Auftritt ansehen, bevor er die nächsten Termine mit mir ausmacht. „Ja, da sehe ich keine Probleme, unsere Gäste sind übrigens im Alter von 50 Jahren aufwärts und immer gut gelaunt.“ Noch bevor ich genauer nachfragen kann, verschwindet er auch schon wieder, während mich im gleichen Moment eine polnische Bedienung am Arm packt und mir den Saal zeigt. Der Raum erweist sich als umgebaute Scheune, leider ohne Bühne. Der mir zugewiesene Stellplatz ist genau im Durchgang zum Vorraum, ich spüre jetzt schon den Zug, den ich bald im Nacken haben werde. Die Polin erklärt kurz: „Cirrrca 200 Gäste, die Busse kommen um 14 Uhrrr, bis dahin muss alles aufgebaut sein.“ und verschwindet wieder.
Sagte sie „Busse“?
13.15 Uhr: während des Aufbaus läuft eine zweite Bedienung an mir vorbei und fragt mich verblüfft: „Ich dachte, sie wären ein Trio?“
13.30 Uhr: der Gastwirt begutachtet mein E-Piano und die Anlage, um dann mit Blick auf die Kabel zu kommentieren: „Wir sollten noch alles Rollator-sicher abkleben.“
13.48 Uhr: Ich werde von der ganzen Belegschaft plötzlich nur noch „Herr Alleinunterhalter“ genannt.
14:01 Uhr: Drei Reisebusse mit verdunkelten Scheiben fahren vor. Mit einem lauten Zischen öffnet sich die vordere Tür des ersten Busses und es steigen summiert 400 Jahre aus – und das sind nur die ersten 5 Personen.
14:12 Uhr: Heimlich mache ich ein Foto mit meinem Handy, während es die Ersten in die Scheune schaffen. Mit kritischem Blick laufen sie an meinem Piano vorbei. „Aber nicht so laut!“ blafft mich eine Dame mit Krückstock an, den sie noch beängstigend gut hochhalten kann. Dabei hab ich noch keinen einzigen Ton gespielt.
14:31 Uhr: Der Gastwirt kündigt mich an. „…und nun wünsche ich ihnen viel Spaß mit dem bekannten Unterhalter Alexander Sauerwein!“
Ich versuche locker zu bleiben und eröffne mit dem Satz „Liebe Gäste, es tut mir leid, ich bin nicht der Stripper, auf den sie alle warten!“ Gelächter. Na also, kann ja noch werden. Am besten spiele ich gleich mein Bobby-Car-Song, das kennen die, haben ja schließlich alle Enkel.
14:37 Uhr: Sie haben keine Enkel. Ein verlegenes Klatschen folgt, noch ist alles möglich. Dann halte ich eben meinen Franz Liszt – Vortrag, den kennen die sicher noch persönlich. Ich ziehe meinen Frack über und spiele den charming Boy: „Na, wie sehe ich aus?“ Prompt kommt vom Tisch neben mir ein Zuruf: „Junger Mann, die Schuhe passen ja wohl mal gar nicht dazu!“
14:50 Uhr: Ich leiere mich durch mein Programm und spiele meine Paradenummer „kranker Mann“. Ein darin enthaltener Satz: „Morgen lebe ich nicht mehr“. Fehler, Sauerwein, böser Fehler, denke ich mir noch, aber zu spät. Von rechts empört sich jemand: „Der sagt, morgen leben wir nicht mehr?!“
200 hochagressive Augenpaare machen mir nun deutlich, dass es ab sofort um mein Leben geht. Ich muss unentwegt an den ersten Otto-Film denken, in dem genau so eine Szene dargestellt wird. Er muss das gleiche wie ich erlebt haben. Die Dame mit dem Krückstock kommt auf mich zu und während ich singe, beschimpft sie mich von der Seite: „So einen Riesen-Quatsch habe ich ja noch nie gehört!“ In anderen Situationen vielleicht ein Kompliment…
14:58 Uhr: Ich zittere am ganzen Körper, schwitze wie noch nie, der Mob stiert mich mit funkelnden Augen an. Jeden Moment knallts. Plötzlich tippt mich von hinten jemand an, ich zucke zusammen, aber es ist nur die Polin, die mir sagt: „Es ist zu laut, leiserrr bitte!“ Ich kündige mein letztes Lied an, einer ruft „Juhuu!“ und kürze es dezent um die Hälfte ab, Schlussakkord.
Stille. Keiner klatscht. KEINER. Betreten gehe ich in den Vorraum.
Der Gastwirt läuft an mir vorbei. Er spricht kein Wort mehr mit mir.
15:35 Uhr: Die Polin zahlt mich aus und versucht zu trösten: „Kopf hoch, allerrr Anfang ist schwerrr, sie müssen iben, iben, iben….“
Ich steige schweigend ins Auto und bekomme noch mit, wie nach mir ein Frührentner sein Keyboard aufbaut, eine Diskette einschiebt und Schneewalzer vortäuscht. 200 Rentner jauchzen auf und fangen an zu tanzen.
Foto: 15 min vor Beginn, der Mob infernalis
Andy Sauerwein 2010 - imprint
Andyaktive Seite - webdesign: Indieee.de